Beschreibung
Presbiteri Iohannis, sive Abissinorum Imperii descriptio
Abraham Ortelius
Diese wunderschön klar gestochene Karte von Zentralafrika geht zurück auf den Antwerpener Humanisten Abraham Ortelius (1527–1598), den Autor des ersten modernen Atlasses der Welt. Ursprünglich war das Blatt Teil einer deutschen Ausgabe des „Theatrum orbis terrarum“ („Theatrum oder Schawbuch des Erdtkreijs“). Deshalb ist die erläuternde Beschreibung auf der Bildrückseite sehr gut lesbar und verständlich. Die erste Ausgabe der Karte erschien bereits im Jahr 1573.
Das Kartenbild reicht von der Mittelmeerkste im Norden bis nach Mosambik im Süden. Bestimmend für die Komposition sind die zahlreichen Flussläufe, die sich wie Adern durch die Landmasse schlängeln. Zauberhaft sind die detailliert gestochenen darstellungen von elefanten, das aufgewühlte Meer sowie die knurrigen Seeungeheuer. Bemerkenswert an der Topografie ist die für das 16. Jahrhundert staunenswert detaillierte Darstellung der Region des heutigen Äthiopiens - wahrscheinlich lagen hier Berichte portugiesischer Expeditionen zugrunde. Als konkretes Vorbild diente wahrscheinlich eine Karte des Italieners Giacomo (Jacopo) Gastaldi (1500–1566).
Das Thema der Karte ist sehr bedeutend für die europäische Vorstellungsgeschichte von Afrika: Denn das Bild zeigt das legendäre Reich des christlichen Presbyters Johannes, welches einen wichtigen ideellen Anknüpfungspunkt für die Missionierung und Kolonisierung des Kontinents in der Frühen Neuzeit darbot.
Die vermeintliche Existenz des Priesters Johannes gründet in der Epoche der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde als Motivation für eine Kriegsexpedition gen Afrika die Legende eines in Indien beheimateten christlichen Reiches verbreitet, das von einem Geistlichen namens Johannes gegründet worden sei. Dieser legendäre Priester – damals bereits über 500 Jahre alt – meldete sich sogar in einem fingierten Schriftstück selbst zu Wort und erklärte, dass sein Reich aus drei Teilen bestehe: einem in Indien, einem in Vorderasien und einem in Afrika, östlich des Nils. Ausgehend von diesen fingierten Berichten wurde das Reich des Presbyters Johannes rasch in Ostafrika lokalisiert – und als portugiesische Expeditionen im Jahr 1520 auf christliche Gemeinden in Äthiopien trafen, deuteten sie die koptische Kirche als Erbin des antiken Reiches. Dementsprechend führt Ortelius die Abstammung des Prespyters auf den biblischen König David zurück. Während man in frühen Karten bereits Abbreviaturen des Reiches zeichnete, erschien die erste detaillierte Einzeldarstellung im Jahr 1573 – mit diesem Entwurf von Abraham Ortelius.
unkolorierter Kupferstich
Bildmaß: 37 x 43,5 cm (Höhe x Breite)

