Beschreibung
The Moon: Considered as a Planet, a World, and a Satellite
James Hall Nasmyth & james Carpenter
Dieses sehr einflussreiche Buch über den Mond geht zurück auf den schottischen Ingenieur James Hall Nasmyth (1808–1890) und den Londoner Astronomen James Carpenter (1840–1899). Es handelt sich um die vollständige erste Auflage aus dem Jahr 1874.
Die beiden Autoren vertreten die These, dass der Mond und seine Oberfläche einen vulkanischen Ursprung besäßen. Um dieser Annahme Evidenz zu verleihen, besitzt das Buch einen besonderen Bildteil aus 46 Textabbildungen und 25 montierten Tafeln, die in unterschiedlichen Techniken gedruckt sind: Zwölf von ihnen sind Woodburytypes, sechs Fotogravuren, vier Autotypen, zwei Lithografien und eine Tafel ist eine Chromolithografie.
Als das Buch erschien, waren diese Bilder eine Sensation, denn sie ließen den Himmelskörper zum Greifen nahe erscheinen. Deshalb konstatiert der britische Astronom Sir Joseph N. Lockyer in einer zeitgenössischen Rezension: „The illustrations to this book are so admirable, so far beyond those one generally gets of a celestial phenomenon, that one is tempted to refer to them first. No more truthful or striking representations of natural objects than those here presented have ever been laid before his readers by any student of Science; and may I add that, rarely, if ever, have equal pains been taken to insure such truthfulness.”Lockyer spricht in seinem Lob einen Punkt an, dem das Buch seinen großen Einfluss verdankte, und der es zu einem wichtigen wissenschaftsgeschichtlichen Artefakt macht: Es präsentiert einen Mond, den es nie gegeben hat.
James H. Nasmyth, der als Erfinder des Dampfhammers berühmt wurde, war Ingenieur und Hobbyastronom. Er hatte ein leistungsstarkes Teleskop gebaut, mit dessen Hilfe er Zeichnungen der Mondoberfläche anfertigte, die auf der renommierten „Great Exhibition“ Medaillen gewannen. Um die These des Vulkanismus zu belegen, machte Nasmyth aus seinen Zeichnungen dreidimensionale Gipsmodelle, die im vorliegenden Buch als Woodburytypes gedruckt wurden. Um die Wirkung der Modelle zu steigern, fotografierte sie Nasmyth in gleißendem Sonnenlicht – die kleinen Gipsrelief erschienen dadurch sehr plastisch und monumental. Verstärkt wurde diese Wirkung durch ein sehr aufwendiges Druckverfahren, denn die Fotografien wurden als Woodburytypien gedruckt: In seinem Kern basierte das Verfahren aus Gelantinereliefs, durch die der plastisch wirkende Licht-Schatten-Wurf in feinen Grauabstufungen abgebildet werden konnte.
Die Überzeugungskraft der wissenschaftlichen Argumente beruhte also auf der Wirkung der frühen Fotografien und dem Wahrheitsanspruch, der der Fotografie dank ihrer vermeintlich objektiven technischen Verfahren zugesprochen wurde. So konnte der simulierte Mond realer wirken, als er in Wirklichkeit war.

